Das Kletterweihnachtsmannmassaker
Titus Gast, Mittwoch, 13. Dezember 2006, 22:48 Uhr • Rubrik(en): IRL, Kurios

Alle Jahre wieder. Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, aber alle Jahre wieder bin ich um diese Jahreszeit kurz vor dem Amoklauf. Unstillbarer Hass steigt in mir auf, und im Unterschied zu manch anderem Amokläufer hat der bei mir einen ganz klare Ursache.
Mir ist es zuerst in dem Dorf aufgefallen, in dem ich aufwuchs: Man steigt dort aus dem Zug, schaut auf das Haus gegenüber und will sich am liebsten wieder umdrehen, in den Zug einsteigen und weiter fahren. Nichts wie weg hier. Das Haus gegenüber ist weihnachtlich dekoriert. Sehr weihnachtlich. Eigentlich… übertrieben weihnachtlich. Im Garten tummeln sich Rentiere mit Schlitten, auf denen Plastikweihnachtsmänner sitzen, irgendwie schwirren ein Haufen Päckchen in der Gegend herum und vor allem klettern mehrere Weihnachtsmänner an Leitern und Seilen am Haus empor auf den Balkon. Kleine, kitschige Weihnachtsmänner aus Plastik. Sie sind es.
Wenn ich sie sehe, beginne ich zu zittern, unbändige Wut bemächtigt sich meiner, ich beginne laut zu schimpfen über diesen blöden Weihnachtsmannwahn im Allgemeinen und diese peinlichen Plastikmonster im Besonderen. Manchmal leuchten sie sogar, die kleine Kerle.
Dazu muss man wissen: Ich bin eigentlich ohne Weihnachtsmann aufgewachsen. Bei uns kam das Christkind. Basta. Der Weihnachtsmann hat mit meinem Weihnachtsuniversum ungefähr so viel zu tun wie Kürbisse mit Allerheiligen. Ich habe auch eigentlich nichts gegen kulturellen Austausch. Nicht alles, was aus Amerika kommt ist böse. Mein Computer zum Beispiel ist klasse. Aber der Weihnachtsmann… also ich meine: DIESER Weihnachtsmann… unerträglich.
Als ich das zweite Mal diese gruseligen Gesellen an einem Balkon herumklettern sah, bemächtigte sich meiner eine grausame Fantasie: Was, wenn ich mir ein Gewehr besorgte, am besten so ein Automatikteil, und diese blöden Kerle einfach wegballerte? Einfach so? Das könnte meine Aggressionen abbauen, wäre ein Heidenspaß und ich bekäme hinterher sicherlich leckere Pillen statt dick machende Plätzchen satt. Ich verwarf die Idee erst mal. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Allerdings kam sie wieder, und wieder und immer wieder, und sie mutierte, die Idee.
Im Sommer kam der Papst nach München. Also in die Stadt, in der man seit gefühlten zwanzig Jahren einen Hindernislauf um unzählige Plastiklöwen absolvieren musste. Am Anfang waren sie noch lustig, die Löwen – irgendwann wurden es einfach zu viele. Jedenfalls mussten sie weg, als der Papst kam. Denn es hätte ja ein islamistischer Attentäter darin Sprengsätze verstecken… Ich musste lachen, als ich das hörte. Gesprengte Plastiklöwen! Klasse! Auch wenn ich kein islamistischer Attentäter bin, die Idee hatte was. Die Sprengung eines solchen Löwen hätte ich schon gerne aus sicherer Entfernung beobachtet, vielleicht gar selber aufs Knöpfchen gedrückt. Und die griffigen Schlagzeilen erst! Vor meinem inneren Auge tanzten schon die „Löwenbomber“, analog zu ihren langweiligen, einfallslosen Kollegen, den „Rucksackbombern“ oder „Kofferbombern“. Löwenbomber. Yeah, ich wollte Löwenbomber werden!
Der Papst flog wieder heim in seinen Kleinstaat in Rom, die Löwen verschwanden nach und nach und ebenso meine Fantasie, was ihre weitere Verwertung betraf. Bis vor kurzem. Ich meine, man könnte doch anstatt der Löwen vielleicht wenigstens einen dieser Weihnachtsmänner… Ich würde sogar einen kaufen, nur um zu sehen, wie er mit einem lauten Knall in die ewigen Weihnachtsmannjagdgründe versetzt wird. Bis Weihnachten habe ich ja noch ein bisschen Zeit, um Sprengstoff zu besorgen. Vielleicht wird es ja in diesem Jahr was. Und wenn nicht: Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.
Wir haben übrigens in diesem Jahr auf einen Weihnachtsbaum verzichtet. Lohnt sich nicht, weil wir an den Feiertagen nicht da sind. Um nicht ganz ohne zu sein, haben wir uns einen kitschigen, kleinen, blauen Plastikbaum gekauft. Und dazu bunte Lampen. Bunte Lampen! Seit ich in meiner Jugend mal nach Weihnachten in Italien war, wo in dieser Zeit alles bunt blinkt, träume ich von bunten Lampen. Anfangs fand ich sie kitschig, jetzt finde ich sie kultig. Leider blinkt unser Weihnachtsbaumersatz noch nicht. Aber das kommt sicher eines Tages.
Vielleicht fängt es ja so an: Am Anfang wehrt man sich noch dagegen, und irgendwann hält der kitschige Kram dann doch Einzug. Ich merke schon, wie ich mich beim Anblick der immer zahlreicher werdenden Kletterweihnachtsmänner gelegentlich frage, ob die wirklich so hässlich sind. Ich meine: So ein bisschen was putziges haben sie ja schon. Man kann ja mal drüber nachdenken. Nur ein bisschen.
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1 Kommentar
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Ein Kommentar zu diesem Eintrag:
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Schranke
am 11. Januar 2007 um 12:15 Uhr.
Ich habe draüber nachgedacht – ein bisschen. Das ergebnis allerdings ist das gleiche wie vor dem Denkprozess: Die rot-weißen Männchen gehören nicht an Häuserfassaden oder Kamine (höchstens, wenn dor schon ein Feuerchen lodert), sondern maximal in meinen Mund – wenn ich die Alufolie abwickle und dann auf den schokoladigen Kern stoße. Putzig sind Meerschweinchen, Kaninchen oder meietwegen ein paar verrückte Fotos. Weihnachtsmänner, die in Häuser einbrechen, gehören ganz sicher nicht dazu!
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Ich habe draüber nachgedacht – ein bisschen. Das ergebnis allerdings ist das gleiche wie vor dem Denkprozess: Die rot-weißen Männchen gehören nicht an Häuserfassaden oder Kamine (höchstens, wenn dor schon ein Feuerchen lodert), sondern maximal in meinen Mund – wenn ich die Alufolie abwickle und dann auf den schokoladigen Kern stoße. Putzig sind Meerschweinchen, Kaninchen oder meietwegen ein paar verrückte Fotos. Weihnachtsmänner, die in Häuser einbrechen, gehören ganz sicher nicht dazu!
